Kürzlich bin ich auf einen sehr interessanten Artikel von Rosalyn Newell gestoßen, in dem Sie neun ethische Guidelines für das Proofreading aufstellt. Ein meiner Ansicht nach längst überfälliger Artikel zu diesem Thema. Das Korrekturlesen ist auf dem Übersetzermarkt ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Dadurch sind Übersetzer viel mehr als dies in anderen Berufen der Fall ist, einer ständigen Kontrolle ausgesetzt. Dies gilt auch für jene mit langjähriger Erfahrung. Immer wieder kommt es vor, dass Meinungen über eine Übersetzung auseinandergehen. Es ist jedoch auch nicht selten der Fall, dass eine Übersetzung durch den Proofreadingdurchgang ‚verschlimmbessert‘ wird.
Wie in vielen anderen Lebensbereichen, macht sich leider auch hier teilweise hemmungslose Unverschämtheit breit, die man in der Face-to-Face-Kommunikation so nie erleben würde. Wir kennen das Phänomen zum Beispiel aus dem Straßenverkehr. Leute, die sonst jeden Konflikt scheuen, hupen an der Ampel wie die Weltmeister oder drängeln auf der Autobahn bis es kracht. Auch in Internetforen gehen die Kommentare häufig unter die Gürtellinie, so als würde am anderen Ende des Cyperspace ein virtuelles Etwas sitzen und kein Mensch. Sitzt nun der Übersetzer in Indien und der Proofreader zum Beispiel in Kanada kann die Kritik ähnlich unkonstruktiv sein. Eine Übersetzung wird vorschnell als mangelhaft abgeurteilt und als Beleg dafür soll dann ein Dokument mit einer Vielzahl an ‚Korrekturen‘ dienen. Ob diese Änderungen rein stilistischer Natur sind oder einer anderen Übersetzungstheorie folgen, fällt bei dem Urteil oft gar nicht ins Gewicht.
Natürlich kann der Korrekturleser Fehler nicht einfach stehenlassen, denn das Proofreading bringt in der Tat eine hohe Verantwortung mit sich. Schließlich soll eine druckfertige Version für den Auftraggeber dabei entstehen. Ebenso groß wie die Verantwortung für den Text ist jedoch meiner Ansicht nach die Verantwortung gegenüber den Kollegen. Ein Proofreading, bei dem lediglich geschmackliche Änderungen vorgenommen werden, jegliche Kommentare und Begründungen fehlen, die Wortwahl kritisiert wird ohne terminologische Verbesserungsvorschläge zu liefern oder die Terminologie geändert wird ohne eine Begründung für die Gebrauchshäufigkeit mitzugeben, bringen niemandem etwas. Der Übersetzer wird dadurch kaum an möglicherweise gemachten Fehlern arbeiten können und der Projektmanager sitzt zwischen den Stühlen. Dieser hat dann nicht nur die Aufgabe eine gute Übersetzung von einer schlechten abzugrenzen, sondern außerdem noch ein gutes von schlechtem Proofreading zu unterscheiden.
Elemente, die beim Proofreading unbedingt überprüft werden müssen, sind Terminologie, Grammatik, Rechtschreibung, Idiomatik, Kohärenz und Textsortenkonventionen. Der Korrektor muss bei seiner Einschätzung sachlich bleiben und seine Entscheidungen begründen. Proofreading darf nicht der eigenen Profilierung dienen, sondern ist eine Dienstleistung, durch die alle beteiligten Parteien einen Gewinn haben sollen. Da Proofreading meistens im Stundensatz abgerechnet wird, ist es ethisch absolut inakzeptabel, wenn der Proofreader die Stundenzahl künstlich erhöht, indem er qualitativ minimale, aber quantitativ maximale Änderungen vornimmt.
Eine einwandfreie Übersetzung, die ein Proofreader desselben Fachgebiets Korrektur liest, sollte dieser schnell vom Tisch haben. Es ist seinem Prestige nur abträglich, wenn er an Kleinigkeiten herumkrittelt und sich bei der Rechnungsstellung darüber beklagt, dass er doch mehr Zeit als geplant dafür aufgewendet hat, weil die Übersetzung nun angeblich doch grottenschlecht war.
Aus den genannten Gründen empfehle ich im Übersetzungsbereich Tätigen dringend Rosalyn Newells Artikel zu lesen.
Proofreading und Ethik
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